2016/11/14 15:18

Ein großes Dankeschön an Oleg Borisov, der das lange Review von Razgrom Music komplett ins Deutsche übersetzt hat. спасибо!

Es ist schwer zu sagen, wen genau LIQUID DIVINE von ihrem Planet vertreiben wollen und was die Band eigentlich darunter versteht. Sollte es eine Andeutung auf echt globale Dimensionen sein, wird das arrogante Motto der „kleinen“ ostdeutschen Gruppe durch breite Öffentlichkeit sowie internationale Institutionen kaum noch gehört, trotzdem wenn man den Appell bis einer rein musikalischen Sinnkomponente verengt, kann eine Anzahl ihrer Fans nach dem Erscheinen von “Get Off My Planet” in Wirklichkeit die „LIQUID DIVINE-Raumstation“ ganz freiwillig verlassen.

Das Album wurde durch die in jeder Hinsicht angenehmen und intelligenten Leipziger Chris und Guido lange und schwer gehegt. Die Pause zwischen LIQUID DIVINE-Veröffentlichungen dauerte ganz sieben Jahre. Gerade so viel Zeit verging nach dem Release von “Autophobia”, eines neben “Black Box” bei RAZGROM Music-Verkaufsstelle immer noch oft gefragten Albums. In genereller Hinsicht sind LIQUID DIVINE für heimische Zuhörer absolut einzigartig und gehören zu wenigen Musikprojekten, die sowohl auf dem Undergroundmediamarkt als auch innerhalb des Informationsraums der GUS-Staaten wesentlich beliebter und besser eingeführt als in ihrer Heimat bleiben. Hierbei handelt es sich sogar nicht um absolute Verkaufszahlen, die in Russland immer ziemlich lächerlich waren, sondern darum, dass LIQUID DIVINE-CDs sich beständig auf gleichem Niveau mit Releases von viel bedeutenderen und bekannteren Projekten wie HAUJOBB, COVENANT, IRIS, SEABOUND, EDGE OF DAWN u.a. befanden.

Der Hauptgrund dafür liegt wahrscheinlich in der Tatsache, dass bei uns tiefsinnige, entspannte und auch träumerische elektronische Musik mit futuristischer und zugleich zum Frustration und Nachdenken antreibender Atmosphäre allezeit beliebt war. Diese ist unter warmer Kuscheldecke mit Bradburys oder Asimovs Büchern besonders gut zu genießen. Eben dadurch wurde in Russland die Popularität von HAUJOBB verursacht, wogegen man LIQUID DIVINE immer gewissermaßen als Fortsetzer der durch Daniel und Dejan ausgeübten Tätigkeit ansah. Auch die Musiker selbst affirmieren immer noch Respekt gegenüber den erwähnten Landsleuten. Hierzu sieht das “Get Off My Planet”-Cover wie entweder eine logische Fortsetzung oder ein gutmenschlicherer Versuch des Umdenkens von “New World March” aus.

Allerdings muss man eine enttäuschende Tatsache berücksichtigen, die jeden Musiker beunruhigt: es gibt herzlich wenig – auch global – Hörerinnen und Hörer, von denen die beschriebene Kombination von Sound, Asimov und Kuscheldecke beliebt ist. Vom endlosen, mühevollen und zugleich unerkenntlichen Prozess eines Musikschreibens, das sich ausschließlich auf Bedarf dieser geschlossenen Gruppe orientiert und zudem viel Zeit samt guten Nerven verlangt, kann jeder irgendwann müde werden. Da persönliches Ego immer mehr fördert, will beliebige schöpferische Individualität Gehör finden.
Was war eigentlich erwünscht, um größere Beliebtheit zu erreichen? Korrekt, Vereinfachung des Sounds. Es lohnte sich, die Songstrukturen weniger gebrochen und zugleich klarer zu machen, Vokalpartien in den Vordergrund zu stellen sowie auf die früher dominierenden Vocodern zu verzichten, und noch die Tracks mit wenigstens einfachen, aber zugleich leicht lesbaren Melodien zu versehen. Um es mit anderen Worten auszudrücken, sollten die Jungs entgegen anspruchsloser Synthie-Pop-Hörerschaft einen großen Schritt zu tun. Heute gehört die Synthie-Pop-Szene zum kleinen Kreis von Gesellschaften, die zumindest geringe Bewegung und Geld haben.

Doch weder in die Dark Hipstern noch umso mehr in die boshafte Industrial-Community können solche „Streber“ wie Guido und Chris nicht aufgenommen werden. Trotz des Vorhandenseins sämtlicher gleich erkennbarer Bestandteile von LIQUID DIVINE-Musik, deren raffinierte außerterrestrische Science-Fiction-Atmosphäre immer noch da ist, klingt “Get Off My Planet” im Endeffekt ungewohnt rissig und „verwaschen“, wodurch das Werk mehr an Kompilation einzelner Tracks und nicht an vollständiges Album erinnert. Dabei wurde offenbar ein Versuch vorgenommen, zwischen zwei Stühlen zu sitzen: daher sieht eine im kommerziellen Sinne scheinbar gewinnsichere Kollaboration mit Frank Spinath so aus, als ob diese auf das Album nicht allein keine kräftigende Wirkung hatte, sondern einfach unnötig war. Dagegen ist „Time and Tide“, der gemeinsame Song mit DISKONNEKTED, logischer und zugleich entsprechend der gesamten Albumkonzeption.

Trotzdem scheint es aus unerfindlichen Gründen, dass die Nummer auch ohne Jan Dewulfs Beitrag keinesfalls weniger eindrucksvoll wäre. Im Unterschied zu den ideologisch und auch stilistisch monolithischen früherer Alben, deren Homogenität bereits auf „Autophobia“ ins Wanken geriet (was damals aber nicht so offensichtlich war), leidet “Get Off My Planet” an einer Eklektik, in der sich außerdem zuweilen sehr negative Anklänge von Geplagtheit wahrnehmen lassen. Sehr oft ist es kennzeichnend für „überreife“ Releases, deren Veröffentlichung sich zu lange verzögert wurde. Überdies erscheint der Science-Fiction-Sound von LIQUID DIVINE in heutiger Sicht nicht so erstaunlich technisch ausgereift wie vor sieben Jahren – eher lässt dieser einen nostalgisch retrospektiven Beigeschmack spüren. Jedoch muss man anmerken, dass Retrofuturismus inzwischen genauso geachtet ist.

So, jetzt aber genug der Kritik. Alle oben genannten Stiche wurden ausschließlich durch äußerst hohen Standard vorheriger Releases verursacht. Wenn eine unbekannte Anfängerband jetzt ein Album derselben Qualität wie “Get Off My Planet” aufgenommen hätte, würden ihr viele Loblieder singen. Das Werk bietet sehr kräftige Songs wie “Home Ground”, “Little Soul” und “House of Leaves”, die auf “Black Box” sowie „Autophobia“ allerdings nicht verloren gingen. Und das Wichtigste: vielleicht hatte die Band gar nicht mal so Unrecht, wenn sie unter anderen der Synthie-Pop-Gemeinschaft entgegenkam? Nach der Veröffentlichung von “Get Off My Planet” lassen sich doch spannende Tendenzen beobachten: durch manche alten Fans wird die Band der Kritik unterworfen, dagegen wird das Album heute durch diejenigen gekauft, die für LIQUID DIVINE vorhin absolut unempfänglich waren.

Deswegen ist es nicht leicht, aus “Get Off My Planet” schon nach einigen Monaten nach der Veröffentlichung eindeutige Konsequenzen zu ziehen. Man muss allerdings schauen, ob die Platte – genau wie frühere Werke – eine Zeitprobe standhalten wird. Die Infacted Recordings-Neuigkeiten konkludieren: das Label ist mit aktuellen Verkaufszahlen sowie Kritiker-Bewertungen sehr zufrieden. Mit einem Worte, man wird ja sehen.
Inzwischen wurde “Black Box” durch Razgrom Music-Verkaufsstelle zum wiederholten Male vorbestellt... (7,8)










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